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Dietrichs Malerei wird manchmal der "Neuen Sachlichkeit" zugeordnet, und oft wird er auch als ein "Hauptvertreter der Naiven Malerei" bezeichnet. So steht es bei Wikipedia und auch im Künstlerlexikon des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft SIK. Aber ist Dietrichs Kunst wirklich naiv? Dazu einige Zitate: 
Christoph Vögele schreibt im Dietrich-Werkkatalog von 1994 unter dem Titel Dietrich aus heutiger Sicht: "Seine (Dietrichs) Sachlichkeit ist Sachbezogenheit, mit der er den geliebten Dingen einfühlsam gerecht werden möchte. Die zeichnerische Schärfe neusachlicher Kunst betont die Isolation des Einzelnen in zusammenhangloser Leere, Dietrichs Umreissen der Einzelformen jedoch den Eigenwert des Kleinen im festgefügten Ganzen. Die neusachliche Grundhaltung ist von Melancholie, diejenige Dietrichs zumeist von freudigem Staunen geprägt." Und er schliesst das Kapitel: "So ist Dietrich denn letztlich ein Realist, der mit altmeisterlicher Feinheit und kleinmeisterlichem Verständnis ganz eigenständige Bilder malt, die mit gutem Recht zum Besten "hoher" Kunst gehören." 

Rudolf Koella bespricht in seinem Artikel Zu Dietrichs Stellung in der Kunst seiner Zeit  in einer Dietrich-Monografie (Benteli Bern und Fondation Saner, Studen 2010) einige besonders originelle und ausgefallene Werke des Künstlers und schreibt dann: "Derart ausgefallene Bildideen beweisen einmal mehr, wie falsch es ist, diesen Künstler als naiven Realistsen abzustempeln. Naiv ist Dietrichs Kunst höchstens in dem Sinne, als sie frei von allen Konventionen ist. Im Übrigen ging es Dietrich wie jedem guten Künstler nicht in erster Linie um ein möglichst genaues Abbild der Wirklichkeit, sondern um die Schaffung eines möglichst gelungenen Kunstwerks. Und entgegen einer viel gehörten Behauptung interessierte er sich auch nicht nur für das Naheliegende und Vertraute, sondern hatte immer auch ein Auge für das Fremde und Unheimliche, das in dieser kleinen Welt lauern kann. Ist es nicht gerade diese Doppelbödigkeit, die seiner Malerei ihre besondere Faszinationskraft verleiht und sie bis heute so modern erscheinen lässt?"
Heinrich Ammann, der Verfasser der grossen Dietrich-Mongrafie (Huber, Frauenfeld 1977), kommt in dieser zum Schluss: "Das Werk Adolf Dietrichs ist so eigenständig und spricht so sehr die unverwechselbare Sprache seines innersten Wesens, dass jede Verwandtschaft und Klassifikation im Grunde unerheblich bleibt."

Unter dem Titel Dietrichs Rätsel  schreibt Dorothee Messmer in einem Ausstellungskatalog (Kunstmuseum Thurgau 2010) über die Kunst und die Rezeption von Adolf Dietrich am Schluss "Denn trotz der mannigfaltigen Publikationen und allen Erzählungen über Dietrich ist sein eigenständiges und kunsthistorisch unvergleichbares Œuvre nie ganz erschliessbar und bleibt rätselhaft - was paradoxerweise mit dem Gefühl des Besonderen, Authentischen verbunden ist."

Im Buch von Oskar Keller Adolf Dietrich - Ein Künstlerleben am See  (Huber, Frauenfeld 2002) kommen Zeitgenossen des Malers zu Wort. Einer davon ist der ehemalige Thurgauer Nationalrat Ernst Mühlemann, ein Kunstliebhaber, der Dietrich gut kannteEr schrieb, dass Dietrich drei Bedingungen erfülle, die man an ein gutes Kunstwerk stellen muss: "Erstens, was er malt, kommt aus einem tiefen Erlebnis heraus, nämlich aus tiefer Liebe zur Schöpfung mit der pflanzlichen und tierischen Natur. Es fehlt auch nicht die Beziehung zum einfachen Menschen, verkörpert im Dorfbewohner seiner Heimat Berlingen. Zweitens verstand er es, die Komposition so zu gestalten, dass Gleichgewicht und Spannung vorhanden sind. [...] Drittens ist neben inhaltlicher Aussage die künstlerische Botschaft so stark, dass sie den Menschen ergreift. Kein Mensch kann im Grunde gleichgültig vor einem Bild von Adolf Dietrich stehen.